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„Liber sextus“

Der im Jahre 1298 von Papst Bonifaz publizierten liber sextus kodifiziert die päpstlichen Dekretalen und Konzilsbeschlüsse aus der Zeit von 1234-94. Zusammen mit dem Decretum Gratiani (1140), dem liber extra (1234) und den clementinae (1317) bildet er den Kernbestand des klassischen kanonischen Recht (corpus iuris canoni) .
Das kanonische Recht ist das von den Päpsten im Zeitalter ihrer Weltstellung im Hochmittelalter geschaffene Kirchenrecht .
Die klassische Epoche der kanonischen Wissenschaft beginnt mit dem Decretum Gratiani (1140). Bis ins 6 Jahrhundert wurden Konzilsbeschlüsse und päpstliche Erlasse rein chronologisch angeordnet. Danach entstanden auch systematische Sammlungen, meist nach dem Schemata Allgemeinrechtliches und Partikularrechtliches oder gewisse und zweifelhafte Überlieferungen. Eine Sammlung die den Rechtsstoff in befriedigender Weise „mit den Mitteln hermeneutischer Technik und (…) dialektischer Methode in „einer widerspruchsfreien Synthese“ zusammenführt steht jedoch aus . „Den Anstoß zur Abfassung eines geschlossenen Textbestandes von höchster Authentizität und Verbindlichkeit gibt [u.a.] das aus dem Investiturstreit gestärkt hervorgegangene Papsttum.“ Das Aufblühen einer kirchlichen Rechtswissenschaft in der Mitte des 12. Jahrhunderts wird zudem als Teilerscheinung eines das 11. und 12. Jahrhundert auszeichnenden Gesamtvorganges verstanden, in dem eine rationale Weltbetrachtung und eine neue Wissenschaftlichkeit vordringt. Um 1120 beginnt Gratian damit, „aus der unübersichtlichen Masse kirchlichen Rechts eines Jahrtausends die richtige Auswahl zu treffen, die Quellen methodisch zu ordnen und in eine Synthese zu bringen […] an die eine wissenschaftliche Bearbeitung anknüpfen kann.“ Um 1140 stellt Gratian sein Werk der Öffentlichkeit vor. In der rechtshistorischen Literatur wird vielfach die Bedeutung des Decretum Gratiani hervorgehoben. Das um 1140 vorgestellte Dekret hat zwar als solches nie Gesetzeskraft erlangt, sondern ist „in moderner Terminologie, eine Privatarbeit und vom Blickpunkt des gesetzten Rechts aus eine bloße Sammlungen bereits bestehender Rechtsquellen“. „Diese gelten, an sich heterogen, im Dekret als Argumente des ius commune weiter.“ Mit dem Dekret verfügt die Kirche über eine Kirchenrechtssammlung die in Vollständigkeit und Geschlossenheit das Vorhandene weit übertrifft. Der Text des Gratian wird zudem zum Gegenstand des rechtswissenschaftlichen Unterrichts in Bologna und veranlasst damit Begründung einer neuen „zweite(n) juristischen Disziplin“ , der Kanonistik.
Freilich löst das Dekret nicht jedes „Rechtsproblem noch kann es allen Anforderungen der folgenden Zeit genügen, in der kirchliche Gerichtsbarkeit und Verwaltung sich ausweiten und intensivieren“ .
Dies gilt umso mehr, weil die Päpste in Folge ihrer zunehmenden Vormachtstellung von ihrem Gesetzgebungsrecht ausführlich Gebrauch gemacht haben. Die Dekralistik war bemüht den ständig anwachsenden Rechtsstoff zu sammeln und systematisieren. Insgesamt sind mehr als sechzig Sammlungen aus der Zeit zwischen Gratian und Gregor IX (1234) bekannt, nur zum kleinen Teil editiert, sehr ungleich an Ansehen und Verbreitung (…)“. Bis auf Gregors IX abschließendes Werk, haben fünf Sammlungen die allgemeine Anerkennung der Schule gefunden (sog. V Compilationes antiquae). Allerdings blieb der durch die V Compilationes antiquae geschaffene Rechtszustand „unbefriedigend wegen der Zerstreutheit, Unvollständigkeit und Echtheitszweifel, auch vielfacher Widersprüche zwischen unter den Dekretalen.“ Um diesem Missstand zu begegnen, beauftragte Papst Gregor der XI Ramon de Penyford, eine bereinigte Sammlung der Dekretalen zu schaffen. Das Ergebnis waren die „Dekretales Gregorii“ auch Liber Extra genannt, das eine offizielle Sammlung des päpstlichen Rechts von 1140-1234 enthält. „Der Papst publizierte die neue Sammlung durch die Proglumationsbulle Rex pacificus v. 5.9.1234 indem er den Liber Extra an die Universitäten von Bologna und Paris übersandte.“
Mit dem Liber Extra verfügte die Kirche nunmehr über eine „authentisches, ausschließliches und universales Gesetzbuch“, das einen Streit über die Richtigkeit oder den Wortlaut einer Dekratele ausschloss . Die Aktualität und Vollständigkeit des neuen authentischen Gesetzbuches war jedoch bald durch den Erlass weiterer Dekretalen überholt.
Das mit dem Liber Extra eingeführte Prinzip eines authentischen Gesetzbuches versuchten viele Päpste des 13. Jh. dadurch aufrechtzuerhalten, dass sie ihre Dekretalen den Universitäten zwecks Einordnung in die einschlägigen Titel des Liber extra übersandten. Dennoch entstand, in Praxis und Wissenschaft alsbald eine ähnliche Unsicherheit über das geltende Recht, wie vor dem Erlass des Liber extra.“
Hierdurch bewegt, beauftragte der juristisch geschulte Pabst Bonifatius VIII. eine Kommission, bestehend aus Gulielmus de Mandagoto, Berengari us Fedoli und Richardus Petronius de Senis damit eine neue authentische Gesetzessammlung zu schaffen. Nach zwei Jahren konnte die Kommission das Ergebnis ihrer Arbeit an den Papst übergeben .
Unter der Bezeichnung Liber sextus wird das Gesetzeswerk, welches sich in System und Gliederung an den liber extra hält, mit der Bulle „Sancrosanctae Romanae ecclesiae“ vom 03.03.1298 proglumiert . „Bei der Benennung als sechstes Buch dürften neben dem Anschluss an die Liber extra auch symbolisch Überlegungen (die Zahl 6 als perfekte Zahl) eine Rolle gespielt haben.“ Mit dem Liber sextus hatte die Kirche wieder eine allgemeine, umfassende authentische Gesetzessammlung. „Alle Gesetze von universaler Bedeutung, die nach dem Liber extra erlassen worden waren, verloren ihre Gültigkeit, sofern sie nicht entweder in das neue Gesetzbuch aufgenommen worden waren oder zu den im neuen Gesetzbuch ausdrücklich erwähnten Ausnahmen gehörten, deren weitere Geltung bestätigt wurde. Der Papstbriefe, die zuvor nur partikulare Bedeutung hatten, wurden durch die Aufnahme in den liber sextus universales Recht. Aller Rechtstexte wurden unabhängig von ihrer historischen Herkunft so behandelt, als seien sie unter dem Datum vom 03.03.1298 von Papst Bonifitius gemachten erlassen worden.“ Der Liber Sextus stellt in gesetzessystematischer Hinsicht gegenüber dem Liber Extra eine deutliche Fortentwicklung dar. „In der Freiheit des Umarbeitens der aufgenommenen Texte geht Bonifaz VIII weit über das im Liber Extra befolgte Maß hinaus. Mit wenigen Ausnahmen werden die Dekretalen in einer Weise gekürzt, erweitert teilweise oder völlig abgeändert, dass nicht nur der Wortlauf, sondern zuweilen auch dem juristischen Gehalt nach die Texte auf ihre Originalgestalt nicht mehr zurückgeführt werden können.“
„Stärker als in den bisherigen Kodifikationen wurde der allgemeine und abstrakte Charakter der Texte ausgeprägt. Die Methode, in der die Texte bearbeitet werden, weist auf den Rechtscharakter des Liber Sextus. Trägt die Dekretalensammlung Gregors IX noch überwiegend kompliatorische Züge, so kommt der Liber Sextus kommt bereits einer modernen Kodifikation näher.“
„Den Abschluss des Gesetzbuchs bilden 88 Regulae iuris bonifats´ VIII, die der legist dinus mugellanus aus dem römischen Recht aufgestellt hat.“
Nicht zuletzt die dem Liber Sextus angefügten „regulae iuris“ verdeutlichen, dass der Regelungsgehalt des Liber Sextus weit über kirchenspezifische Fragestellungen hinausgeht.

Bereits zunehmend selbstbewusste Papsttum in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die päpstlichen Dekretalen immer tiefer in den Bereich des weltlichen Zivilrechts vorzudringen. Nach Eisenhardt kann im gesamten Corpus iuris canonici „der Ausdruck eines tiefgreifenden Strukurwandels der Kirche gesehen werden, deren geistliche Autorität immer mehr Züge einer im recht gegründeten Hoheit annahm, was zur Folge hatte, dass das priesterliche Amt sich zur Jurisdiktionsgewalt wandelte“. „In dieser Reichskirche“ sei „der Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zuweilen nur noch als unwesentliches Anhängsel“ erschienen. Und Feine meint: „Vollends unter Bonifatius VIII. (1294-1303) siegte der Jurist auf dem päpstlichen Thron über den Theologen.“

Dem Liber Sextus folgt im Jahre 1317 die letzte authentische Rechtssammlung des mittelalterlichen Papsttums die Constitutiones Clementis V.
Bis zum Codex Juris Canonici von 1918 sind keine Kodifikationen des Kirchenrechts mehr erfolgt.

Nach der Einschätzung weiter Teile der rechtshistorischen Literatur hatte der Liber Sextus als Teil des corpus iuris canonici, einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des europäischen Rechts, der von Rechtswissenschaft möglicherweise noch unterschätzt worden sei.

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